bAUstelLE DePReSsiOn

…Depression, JahresBaustelle vor der Haustüre und Corona sind noch nicht genug

Dass Menschen mit Depressionen in CoronaZeiten besonders zu kämpfen haben, ist zwar allgemein bekannt, aber leider nicht allgemein bewusst. Es sind gerade die ganz wenigen Kleinigkeiten des Lebens, die einem Betroffenen noch Halt geben, Struktur bedeuten oder eben in ganz kleinem Ansatz Freude und Lebenssinn bereiten, die durch die enorm wichtigen und sinnvollen Einschränkungen wegbrechen. So schnell, wie diese Tagesbaustellen auf einer Autobahn, an der sich dann offenbar nichts zu tun scheint, wird die Depression verstärkt oder erneut zur gefühlt unüberwindbaren Baustelle. In Therapien mühsamst erarbeitete kleine Fortschritte können nicht ausgebaut werden. Im Gegenteil. Zum einen fallen diese wichtigen Therapien vielerorts weg oder werden mühsam in Telefonie- oder  Videositzungen aufrecht erhalten.  Zum anderen sind Ryckschritte an vieler Menschen Tagesordnung. So auch bei mir.

Überwiegend zu Tode betrübt statt himmelhoch jauchzend, lust- und antriebslos, energie- und sinnbefreit, schlaflos und immermüde. Zu allem und jeden muss ich mich zwingen, sogar zum „lächeln“. Wenn überhaupt gibt es einen stimmungsausgeglichenen Tag in der Woche. Ich zwinge mich zur Einhaltung der Schlafhygiene, mit geringstmöglichen Erfolg. Ich zwinge mich raus zu gehen, weil es die Hausaufgabe von meiner Therapeutin ist und nicht, weil ich es wirklich wollen würde. Einkaufen gehen, was bis Februar derweil ohne Panik „richtig gut“ ging, ist wieder der absolute Horror. Von den sehr wenigen Menschen, die ich in jeder Beziehung noch an mich heranließ, muss ich physisch Abstand halten. Ein Telefonmensch war ich nie und werde ich auch nicht durch die Pandemie. WhatsApp Nachrichten sind das Mittel der Kommunikation, wenn da nur nicht diese „Ich hab dich lieb und wenn du mich auch lieb hast, dann schickst du diese Nachricht an all deine Freunde-Kettenscheiße“ nicht wäre, oder schlimmer noch, das ganze in GifBild oder Videoform. Hauptsache blinkend, glitzernd, nervend. Ich möchte überhaupt nicht wirklich reden – was denn auch? Darüber, wie scheiße ich mich zwischendurch fühle, wie planlos ich bin, wie sehr mir diese Planlosigkeit gegen den Strich geht?  Ich möchte keine Entscheidungen treffen, „Verabredungen“ und schon gar kein „Wenn das alles vorbei ist, dann machen wir…“. Zum Teufel, ich weiß nicht, wann das vorbei ist, ob das überhaupt mal vorbei geht und wovon ich überhaupt keine Kenne habe ist, wie es mir dann geht und ob ich überhaupt irgendwas kann. Jetzt in diesem Moment kann ich einfach nur

SEIN

und das kostet schon verdammt viel Kraft und Überwindung.

Ich will Stille, Ruhe, viele Geräusche machen mich wahnsinnig. Selbst Fernsehen oder Musik gehen mir zwischendurch tierisch auf den nicht vorhandenen Sack.

Auch wenn ich „nach hinten raus wohne“ und verhältnismäßig wenig von der Jahresbaustelle in unserer Straße mitbekomme,  das Dauergeklimper meiner Einrichtungsgegenstände und das Dauergebrumme der Bauwagen, Bagger, Pressluftgeräte etc. lässt sich nicht immer ignorieren.

Das SteineMalen findet gerade nur noch sporadisch statt. Zum einen liegen hier genug kleine Kunstwerke zum Auswildern; zum anderen ist das mit dem Auswildern ja auch gerade so eine Sache. Wenn mich die Birkenpollen & Co. nicht gesundheitlich schaffen, sind es die mehr oder weniger rycksichtsvollen oder eben -losen Personenschwärme, denen ich begegnen muss. Zunehmend entwickele ich mich weg von der Fachkraft Mensch zur Misanthropin.

Stattdessen übe ich mich in Geduld. Ebenso süchtig, wie nach dem Bemalen von Steinen, bin ich derzeit süchtig danach, meine Vogelstation auf dem Hof zu fotografieren. Hier geben sich Familie Spatz, Ehepaar Amsel, Ehepaar Blaumeise und Ehepaar Kohlmeise  die Ehre. Es ist ein bisschen wie die Erdbeermännchenfotografie. Ich habe bereits gigabyteweise Fotos auf der Festplatte, und doch drücke ich wieder und wieder auf den Auslöser – mit zum Teil verblüffenden Ergebnissen. Ich kämpfe gegen die Schnelligkeit der Flugobjekte, Spiegelungen und Lichtverhältnisse – sitze oft minutenlang, bis zu einer halben Stunde mit der Kamera im Anschlag und warte auf meine gefederten Models. Wie das Steinemalen, schützt mich das Fotografieren, Bilder sichten, bearbeiten und dann online stellen vor diesem Kopffick. Ich ertrappe mich, wie ich mich für Momente freue, über besondere Schnappschüsse oder die Begeisterung der Menschen in den Sozialen Medien und mir hier und da ein Lächeln übers Gesicht huscht.

Klingt gut, oder? Ja war / ist es auch – bis mein HerzMensch auf die Idee kam, sich des Hofes und seiner Sanierung anzunehmen. Jetzt, inmitten der Depression, der Corona“krise“, der Zeit mit der Baustelle vor der Tür.

Seit zwei Jahren merken wir an, teilen wir mit, senden wir eMails, Zustandfotos, WhatsAppNachrichten. Der Mieterverein wurde aktiv. Derweil war der Zustand so verrottet, dass ich mich nicht mal mehr traute die Nachbarskinder auf dem Hof spielen zu lassen, aus Sorge, sie könnten sich an hochstehenden Bolen verletzen oder gar einbrechen. NICHTS tat sich, bis auf Vertröstungen – letztmalig auf den April diesen Jahres. Corona ist vermutlich die Ausrede dafür, dass sich noch nichts, absolut gar nichts gerührt hat. Und mit den Fenstern im ganzen Haus ist es ein ähnliches Dilemma. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht ein anderes Mal erzähle.

Meinen HerzMenschen packte indes die „Wut“, also so er überhaupt wütend werden kann. Er habe Angst, dass mir irgendwann etwas passiere und er möchte, dass ich es mir zumindest auf dem Hof schön machen könnte, wenn schon sonst alles doof ist. Mein Wunsch war es, das Holzgerümpel raus, Erde drauf, Rasen, Wiese, Bienenweide. Doch irgendwie hatte ich so gar kein Mitspracherecht, wurde nicht für voll genommen, wenn überhaupt mit meinen Vorstellungen wahrgenommen. Der Abriss hat begonnen. Nun wird gewerkelt, gesägt, gehämmert und rumort, wenn es sonst endlich mal ruhig ist. Entsprechend ziehe ich mich noch mehr zuryck, habe noch mehr Kopffick und lasse in mir Angestautes heraus, wenn ich alleine bin. Als Kompromiss wurde mir gestern ein großes Hochbeet versprochen.

JA ich weiß, das klingt (und ist es vielleicht auch) sehr undankbar. Ich liebe meinen HerzMenschen und ich weiß, dass das mit dem Hof gemacht werden MUSS. Irgendwie finde ich es auch großartig, dass er sich die Zeit nimmt, Zeit, die er sicher für sich selbst viel besser nutzen sollte, denn auch der HerzMensch ist „nur“ ein Mensch mit beschränktem Kraftreservoir. Helfen lässt er sich auch nicht. Selbstfürsorge ist irgendwie sowenig sein Ding, wie mein Ding.

Dieser Entwicklung zum Trotz, versuche ich mich trotzdem mit Fotografieren der Vogelwelt abzulenken. Der Hofabriss führte sogar zur Namensgebung von Herrn und Frau BAUmeise und dem Ehepaar BOSCHi.

Warum die Kohlmeisen nun Boschi heißen, zeigen folgende Bilder… Schnappschüsse, die mir ohne den Einsatz des HerzMenschen sicher nicht gelungen wären. Danke mein Schatz! Danke, dass du immer noch an meiner Seite bist, auf meiner Lebensbaustelle,

der bAUstelLE DePReSsiOn.

Black & Decker Boschi
Boschis auf dem Kuhfuss
Das erste Mal, dass ich beide Kohlmeisen so zusammen erwischt habe. Black & Decker Boschi.

Zum Schluss habe ich noch etwas für euch. Torsten Sträter zitiere ich ja gerne. Gestern hielt er die für mich beste „Rede“ zum Thema Corona der letzten Wochen.

Ab Minute: 20:19

Zum Thema Depression ab Minute: 20:32

 

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