Corona

Depressive Grüße aus der sozial-schwachen Unvernunfts- und Hamsterstadt Greifswald.

Jetzt möchte ich mich doch mal verbal erleichtern.

Wäre ich nicht schon depressiv & aggressiv – spätestens seit heute, liefe das Fass über. Doch bevor ich mich auslasse sei gesagt, dass ich die Einschränkungen und Schutzmaßnahmen durchaus nachvollziehen kann, gut heiße und, wer hätte es gedacht, ich unserer Stadt ein großes Lob ausspreche, für die gute, sachliche Informationspolitik zum Thema „CoronaVirus“.  Ich bin „glücklich“ darüber, in ein vernünftiges, empathisches und mitdenkendes soziales Umfeld eingebettet zu sein, das fern aller Hysterie und Panikmache agiert und reagiert, sei es auch noch so schwer. Ich möchte nicht mit der Mutter von fünf Kindern tauschen und ich kann mir sehr gut vorstellen, welchen Belastungen manche Menschen ausgesetzt sind. Mein aller größter Respekt gilt all den Menschen, die den „Laden Deutschland“ aufrecht halten und sich auch hier in unserer Stadt den Arsch aufreißen, weit über eigene Grenzen hinaus. Mir sind die wirtschaftlichen Probleme, die dieses Virus mit sich bringt sehr wohl bewusst und für viele Menschen sind die persönlichen, sozialen Einschränkungen sicher ein GAU.

Ganz persönlich zähle ich gesundheitlich zu den Risikogruppen. Das heißt, ich werde mich denn jetzt noch mehr einigeln, als ich es eh schon getan habe. Durch die Depression habe ich meine sozialen Kontakte im letzten Jahr massiv selbst eingeschränkt – das wäre also alles gar nicht so schlimm. Meine größte Angst in den vergangenen Tagen war, dass man meinen Lebenspartner vielleicht nicht mehr aus Österreich rauslässt; doch auch das hat auf den letzten Metern gerade noch so geklappt – seit heute ist auch das Leutasch dicht. Ganz egoistisch, habe ich ein riesiges Problem damit, dass ich wieder nicht auf meine Nordseeinsel kann. Nachdem der geplante Novemberurlaub der Reha zum Opfer fiel, fordert nun das Virus seinen Tribut. Seit Monaten zähle ich die Tage runter, die Seehnsucht und das Vermissen derweil fast unerträglich und  die Aussicht auf diese paar Tage auf „meiner Insel“ haben mich aufrecht gehalten. Das tut richtig, richtig weh und ist mit Blick auf meine Depression ein ebensolcher großer Ryckschritt, wie die Einschränkungen dessen, was ich mir in den letzten Monaten mit Therapien mühsam und teils schmerzhaft erarbeitet habe. Die für mich so wichtige Gruppentherapie fällt aus. Die wenigen sozialen Kontakte, die ich zulasse, werden abermals geschrumpft. Mir wichtige Seelenorte sind nicht mehr zugänglich, geschlossen, gesperrt. Die Inseln sind dicht und reisen allgemein nicht ratsam. Das ist alles für mich schlimm, es tut mir weh und ist mitunter nicht auszuhalten – aber es ist nichts gegenüber dem, was passiert, wenn wir Menschen die Ansteckungsgefahren nicht minimieren. Und wir reden „nur“ über Corona – nicht über Ebola oder die Pest! Doch das scheinen in Greifswald immer noch viel zu viele  Menschen zu relativieren, zu ignorieren, zu verharmlosen.

Sozial schwaches Greifswald

Greifswald kann gegen Nazis. Greifswald kann für Vielfalt und Toleranz. Doch in einer Krisensituation wie dieser, können viele Greifswalder*innen nur noch ihre ganz eigene Blase aus Hysterie und Panik für einen Ernstfall ausstatten, den es mit etwas mehr Besonnenheit, Sachlichkeit und dem Willen, sich eben an die vorgegebenen Richtlinien, Auflagen und Verbote zu halten, gar nicht geben muss. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, wenn mensch, meinetwegen mit Handschuhen und Mundschutz, über den eigenen Tellerrand hinaus auf seine Mitmenschen schaut. Ein tolles Werk, das ich eben auf Facebook entdeckte ist der sogenannte CoronaCodex:

Stattdessen toben Großeltern mit ihren Enkeln durch Bau- und Supermärkte, sind beim Einkauf 75% Ü70-Hamster, sowie Mütter/Väter mit ihren Kindern anzutreffen.  Es wird gehamstert – Toilettenpapier, Küchenrollen, Nudeln, Reis, bestimmte Konserven, frische Kartoffeln, etc.

Den größten Reibach macht wahrscheinlich gerade das Hamburger Unternehmen Sagrotan: Produkte wie Handseife, Desinfektionstücher und -sprays, die ich seit Jahrzehnten nutze und früher problemlos erstehen konnte, sind seit zwei Wochen nicht mehr zu bekommen. Indes könnte ich mein Bad, das WC und allzweck alles reinigen, bis die Fliesen von der Wand, die Keramik stumpf und alle Bakterien und Viren supertot sind. Hier greift der gemeine Greifswalder Hamster nicht zu, sondern lieber zur erheblich günstigeren Hausmarke.  Klar, mensch wäscht sich wahrscheinlich und hoffentlich zur Zeit noch öfter die Hände als zuvor, aber da reichen doch dann zwei statt ein Spender und nicht gleich 10.

Auf Spielplätzen und auf dem Wall tummeln sich nicht nur Rentner, sondern auch Kinder ohne Ende. Ja ich ahne es – es ist Frühling, heute war es super angenehm draußen und Kids brauchen Bewegung – aber bitte, warum sind Kitas und Schulen geschlossen? Um Rudelbildungen zu vermeiden. Dieses verfickte Virus macht keinen Unterschied zwischen Klassenzimmer und Spielplatz und ja, Kinder wollen bespaßt werden, auch wenn das für manche Eltern zur echten Herausforderung wird. Gut, dieses Phänomen ist nicht neu. Durch meine Arbeit sind mir durchaus die Eltern bekannt, die ihre Gören morgens vor den Fernseher setzen oder eben vor die Türe und sich den restlichen Tag Ruhe ausbeten, da sie es nie gelernt oder verlernt haben, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen.

Wem das alles noch nicht reicht, kotzt sich in sozialen Medien aus. Mensch, Mensch – ich habe in den letzten Jahren viel Schwachsinn gelesen, die, von den Verfasser*innen selbst gerne als „Meinung“ deklariert wird, aber das, was derzeit online abgeht ist gelinde gesagt das größte Armutszeugnis, das mensch sich ausstellen kann. FakeNews jagen FakeNews und der eigenen Phantasie werden so gar keine Grenzen gesetzt. Wie dumm kann mensch sein? Und diese Dummheit ist in Zeiten wie diesen mehr als gefährlich.

Jetzt gerade in diesem Moment läuft mensch wieder Amok, weil unsere Kanzlerin die neuesten Beschlüsse, E inschränkungen und Regelungen in einer Pressekonferenz verlautbarte. Meiner bescheidenen Meinung nach alles gute Schritte in die richtige Richtung. Doch viele sehen das Ende des Landes bereits am virenverseuchten Horizont. Verschwörungstheoretiker*innen & Co. geben sich die Tastaturen in die ungewaschene Hand. Warum? Wir können keinen Urlaub machen! Das können viele, viele Familien sich seit Jahren nicht leisten! Spaß & Party verboten! Das schafft Zeit kreativ zu werden, vielleicht mal wieder einen Brief schreiben, malen, kreuzworträtseln, mit den Kiddies spielen. Und überhaupt, alles macht Mutti dicht! Wirklich alles? Ähm…

Denn…

Rycksicht, Umsicht und Vorsicht sind angesagt. Für viele da draußen leider Fremdworte, darum liegt es an uns, dort gegenzusteuern. Das Leben läuft gerade etwas anders, als wir es gewohnt sind. Vieles ist nicht mehr wie vorher. ABER wir haben keinen Krieg, noch stehen wir vor einer Krankheit, die nicht zu beherrschen wäre. Wir sind gefragt und wir können jetzt mit Rycksicht, Umsicht und Vorsicht einiges erreichen. Ansonsten brauchen wir uns über potentielle Zwangsmaßnahmen, Einschränkungen, Verbote, Ausgangssperren etc. nicht zu wundern.

 

2 Antworten auf „Corona“

  1. …danke liebe Bigi – viele deiner Gedanken sind auch meine.
    Und ich weiß, wie es ist mit zwei lebhaften Kindern in Quarantäne zu sein….meine Tochter und Schwiegersohn waren im Sprachkurs, kein Kontakt zu den anderen….Tage später Anruf vom Gesundheitsamt: eine Teilnehmerin wurde positiv getestet und nun sitzen alle fest für zwei Wochen.
    Dabei habe ich noch Glück, sie „verboten“ mir seit längerem Besuche. Nun helfen wir uns, auch im Haus….und ich versuche auch, nicht wieder in tiefe Löcher zu fallen….
    alles alles Liebe für dich und eine Umarmung aus der Ferne

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