Traumatisiert und depressiv auf Arbeitsuche

Übermorgen „feiert“ der Ryckweg zweiten Geburtstag und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie lange vor dem 9. Dezember ich mit mir rang und mir haderte, ob ich das wirklich möchte. Die Idee kam mir im Oberharz, während der Reha, in der wir alle möglichen Strategien entwickelten, um unsere mentale Gesundheit auf Vordermann zu bringen. Möchte ich mein Leben mit all der Traurigkeit und Trauer, der Depression und PTBS „öffentlich“ machen? Sind die Kommentare und gedrückten Sprüche von „guten Bekannten“ und aus dem entfernteren Bekanntenkreis nicht schon schlimm genug? Möchte ich mich wirklich einmal mehr angreifbar machen und damit auch denen das Wort geben, die mich gar nicht kennen oder dich mich nicht leiden können, für die ich immer noch und immer weiter ein Feindbild bin? Gerade nach den Jahren 2015, 2016 bin ich für viele eigentlich unbedeutende, aber eben auch für eine ganze Reihe „narzisstische Pöstchenbesetzer*innen“ regional und politisch ein rotes Tuch. Werde ich es vielleicht irgendwann bereuen, denn das Internetz vergisst ja nixx und wer weiß, was in zwei, drei, trölf Jahren ist?

Derweil sind wir zwei Jahre weiter, zwei Jahre, die es in der Tat in sich hatten, denn neben allem persönlichen Ungemach und meiner psychischen stark unterzuckerten Widerstandskraft, suchte uns „das Virus“ heim.

Leser*innen wissen bereits, das Corona-Virus war nie mein Problem, die Menschen schon. Ich halte mich von Anfang an an die Empfehlungen und Regeln. AHA, AHA+, Mundschutz, Desinfektion und ganz besonders Abstand scheinen vorprogrammiert in meiner DNA, so leicht fällt mir das.

Die Kontaktbeschränkungen fielen schon schwerer – allerdings auch nur die, die sich gezielt gegen meine Lieblingsmenschen richtete – Silke, Felix, Annika, Gudrun, Elisa, Jaci, Liv – sie nicht oder nur sehr eingeschränkt sehen und eine viel zu lange Zeit nicht knuddeln zu können, das war wirklich arg.

  • Kino, Konzerte, Massenveranstaltungen, Veranstaltungen mit hunderten Leuten  in geschlossenen Räumen sind mir seit Jahren ein Graus und wann immer es möglich war, besuchte ich solchen Trubel nicht.
  • Klar finde ich den Mundschutz lästig, gerade mit meiner eingeschränkten Nasenatmung und meinem allergischen Asthma, im Frühling etc. auch mehr als nur lästig. Aber auch eben nur lästig. Ich fühle mich nicht bedroht, nicht in meiner Meinung eingeschränkt – denn ich denke mit dem Kopf und  nicht mit dem Stück Vlies oder Stoff vor Mund & Nase.
  • Zum Thema Abstand beliebe ich stets zu scherzen, dass ich noch nicht weiß, wie ich den Mitmenschen nach Corona wieder beibringe, dass ich meinen Abstand gerne wieder auf 5 Meter ausgeweitet hätte. 1,50 Meter sind ja für mich, gerade in der Pandemie schon beinahe Kuschelkurs.
  • Händewaschen, Thema für die Wenigsten um mich herum, dünkt es mir, erlangte leider auch nicht mehr Popularität durch das Virus.
  • Händedesinfektion, für mich offenbar grundsätzlich wichtiger als für viele, viele andere. Während Supermärkte & Co. teilweise sehr gut mit Desinfektionsstationen ausgerüstet sind, vermisse ich sie besonders in Arztpraxen.

Recht bald nach der 1. Welle, in der ganz viele Menschen noch ganz viel Verständnis aufbringen konnten – lief das Leben mit und in der zweiten Welle teilweise aus dem Ruder und brachte es Deutschland jetzt, zwei Jahre weiter in eine nie dagewesene GesundheitsKrise. „Die da oben“, die Politiker*innen taten das Ihre dazu. Allerdings sind es die Menschen außerhalb der Bundes- und Landespolitik, nämlich die Bürgerinnen und Bürger dieses unseres Landes, die die Gefährlichkeit des Virus massiv, mit viel Gewalt, Hass, Hetze, Lügen und Falschmeldungen derart mästeten, dass wir nun in der 4. Welle mehr Zwie- und Niedertracht, Wut und Hass erleben, als je zuvor. Nicht umsonst lassen sich manche Prominente zu Aussagen verleiten wie „Es ist Krieg!“

Irgendwo da mittendrin bin ich. Gesundheitlich und psychisch angeschlagen, setze ich Maßnahmen um,  bin dankbar, dass ich meine Therapie weiterführen kann, wenn auch nur online oder telefonisch, entwickeln sich neue Ängste, pflege ich meine Geduld mit mir und meinen Mitmenschen, mache ich es mir mit meinem HerzMenschen und meinen Lieblingsmenschen so schön wie möglich, bemühe ich mich ins Leben zurückzufinden, bewerbe ich mich und sehe mich wieder mit Dingen konfrontiert, mit denen ich noch weniger zurecht komme als früher. Das ärgert und frustriert mich. Ich weiß gar nicht mehr, für wieviele Migrant*innen ich Unterstützung bei Formularen und Bewerbungen war, sie begleitete auf Ämter und Behörden und so mancher/m Sachbearbeiter/in den Zahn der Überheblichkeit zog. Wie eine Löwin stellte ich mich vor die Menschen, die sich noch nicht selbst wehren konnten und handelte mir damit auf Dauer so manchen unrühmlichen Titel ein. Da nutzten auch die letzten drei Jahre Ryckzug nichts, da half auch die Pause nicht, die ich für mich und mein Wohl in Anspruch nahm – mancher/m die/der meinen Namen hört bekommt bestenfalls Puls. Aber auch die „einfachen“ Hater, die kleinen und größeren Nobodys der internetten Gesellschaft in asozialen Medien, haben mit Corona nicht genug zu tun und suchen Gelegenheiten.

Von daher  waren die Überlegungen, ob ich mein Leben mit Depressionen & Co. öffentlich mache schon nicht ganz unbegründet. Aber – no risk – no fun.

Jetzt gerade stellt sich eine ganz andere Frage. Die Thematik hier in überwiegend Selbstgesprächen, aber eben auch hin und wieder öffentlich zu diskutieren ist das Eine – Wie aber gehe ich damit in Bewerbungen, auf der Arbeitsuche und potentiellen Arbeitgeber*innen gegenüber um?

Ich denke 3 Jahre zurück. Mit dem 3. befristeten Projektvertrag in der Tasche fuhr ich mit Depressionen in die Tagesklinik ein. Drei Wochen später wurde ich von meiner Arbeitgeberin zu einem Personalgespräch über Whats-App geladen. Ähm, danke, aber danke Nein. Ich bin krank geschrieben. Zwei Tage später erhielt ich die Kündigung – die natürlich nichts mit meiner Krankheit zu tun hatte und rein zufällig nur wenige Tage vor Ablauf der halbjährigen Probezeit ausgesprochen wurde.  Das war nicht nur maßlos enttäuschend, sondern riss mir nun komplett den Boden unter den Füßen weg und verlängerte vieles um ein vielfaches. JaJa, nicht alles, was im Namen christlichen, kirchlichen oder sozialen Bezug hat, … das kennen wir ja von politischen Parteien, von denen in diesem Fall nur noch ein U übrig bleibt.

Auf der anderen Seite war dieser Schlag in die Magengrube vielleicht genau das, was ich brauchte? So sehr ich mich darauf gefreut hatte, meine tolle Arbeit weiterzuführen und egal welche Ideen und Pläne ich für den „Verein“ hatte, nun hatte ich ungewollt die Zeit für mich, die ich tatsächlich brauchte. Mit der Kündigung in der Hand konnte ich den Ryckweg antreten – wer weiß, ob mir das anders gelungen wäre? Eine Arbeit, die ich bisher annahm, übernahm ich mit Leidenschaft und Herzblut, mit ihr und der/m Arbeitgeber*inn konnte ich mich zu 100% identifzieren und das 24 Stunden am Tag. Da schaut bigi nicht auf die Uhr und macht Dienst nach Vorschrift. Wohlwissend, dass das mit ein Grund für den Zusammenbruch war, hat sich diese Sichtweise nicht unbedingt verändert. Ich muss mich mit Arbeitgeber*innen identifizieren können, muss hinter ihnen und dem Produkt oder der Dienstleistung stehen – sonst kann ich nicht funktionieren. Ich möchte nicht reich werden, sondern mein Auskommen haben. Ich brauche kein anhaltendes Lob, wie super ich bin oder wie wichtig, sondern möchte selbst das Gefühl haben etwas zu bewegen, etwas getan und geleistet zu haben und mit Zufriedenheit in den Feierabend. Kürzer treten ja – weniger Stunden, nur noch Teilzeit ja, das bekomme ich hin, das sehe ich ein, das muss sein. Aber an der Liebe zu dem, was ich tue lässt sich nicht kürzen und rütteln.

Darum gehe ich auch offen in die Arbeitsuche – obwohl das mindestems einem ganz wichtigen Herrn beim JobCenter nicht wirklich passt, sieht er soch das Problem der Vermittelbarkeit und die Sorge, ich könne an seinen Zahlen und Statistiken kratzen. Aber was nutzt es mir einen Job anzutreten, der mir vielleicht sehr gut liegt, aber Anforderungen an mich stellt, die ich vielleicht so nicht erfüllen kann. Dann bin ich in wenigen Monaten wieder dort, wo ich am 9.12. war.  Es ist nur fair mit offenen Karten zu spielen – mir gegenüber und potentiellen Arbeitgeber*innen gegenüber. Ich möchte weder meinen Lebenslauf frisieren noch in Interviews rumdrucksen müssen, wenn mir unerwartet Fragen gestellt werden.

Die Trauer und Traurigkeit, eine schwarze streunende Katze

Die Depression, ein schwarzer Hund

Die PTBS, ein dicker schwarzer Mistkäfer

Ich habe gelernt, mit diesen drei Spezies zu leben und mit ihnen umzugehen. Das gelingt mir mal besser mal schlechter – und ja, Corona macht es verdammt schwer. Aber ich habe das große Glück eine tolle Therapeutin und wunderbare Menschen um mich zu haben, die diese Psychotherapie mit ihrer Liebe und Freundschaft „absichern“. Nicht umsonst absolviere ich die kommenden zwei Jahren „nebenher“ über die ATN meine Ausbildung „Tiergestützte Intervention“, denn so wie die Arche Brandshagen für mich Therapiezentrum und die Tiere dort Therpeuten sind, so wünsche ich mir von Herzen, das anderen Menschen nach der Ausbildung anbieten zu können.

Mein Houtlandschaf Socke wird einen Teil der Ausbildung „Tiergestützte Intervention“ gemeinsam mit mir absolvieren.

Das alles lässt mich daran glauben, dass ich die passende Arbeit für mich finden werde. Mit Ehrlichkeit, Offenheit und meinem Willen.

Achja, nochwas:

Ich bin geimpft – zweimal – kann den Booster kaum erwarten und gehe davon aus, dass ich Ende Frühling auch nochmal auffrische… Denn mir sind maximal 4 kleine Piekser viel, viel sympathischer als mir mit Beatmungsschlauch & Co. ein Krankenhausbett teilen zu müssen.

 

 

 

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