Fledermaus im Winterschlaf

mit nur zwei Herzschlägen pro Minute

Fledermaus Wildermann, Oberharz

Ich bin eine Fledermaus im Winterschlaf, mit nur 2 Herzschlägen pro Minute.

Therapeutin, Oberharz,

So lautete das Mantra des Biofeedbacks, welches ich im November letzten Jahres erfahren durfte. Anscheinend hat es sich so gut in mir festgesetzt, dass ich tatsächlich zur Winterschläferin mutiert bin.

Doch zunächst einmal ein viel zu spätes gutes Neues Jahr allen Leser*innen, Besucher*innen und Depressiven. Frau Depression hatte mich komplett im Würgegriff über die Feiertage und den Jahreswechsel und wurde in den ersten Tagen 2020 von einer unfassbaren Energielosigkeit und Müdigkeit unterstützt. Wehrte ich mich zu Beginn noch, ging in den letzten drei Wochen so gut wie gar nichts mehr. Pflichttermine wurden wahrgenommen und ansonsten ergab ich mich meiner kuschligen Pupsmulde und kam locker auf die besagten 2 Herzschläge pro Minute, wohl wissend, dass dies sicher nicht Sinn und Zweck des Mantras ist. Eher im Gegenteil. Doch im Hier und Jetzt des beginnenden neuen Jahres ist dieser Satz eher Zeichen meiner totalen Erschöpfung und des „Nichtmehrkönnens“ denn der Entspannung und der perfekten Atmung währenddessen. „Neues Jahr – Neues Glück!“ Der Neustart war in meinem Fall eher suboptimal.

Sage nie, das kann ich nicht,
vieles kannst du, wills die Pflicht.
Alles kannst du, wills die Liebe;
drum dich auch im Schwersten übe,
vieles fordert Lieb und Pflicht.
Sage nie: ”Das kann ich nicht“.

Unbekannt

Mein werter Vater wird sich wahrscheinlich im Grab umdrehen, da ich mir erlaube, ihn hier zu zitieren. Mit dieser „Weisheit“ versuchte er sich vor Jahrzehnten in Motivation. Damals galt dieser Spruch einer wilden jungen Göre, die, recht faul in der Schule, sich nur allzugerne mit einem „Ich kann das nicht!“ versuchte vor Unangenehmen zu drücken. Heute steht dieses „Ich kann das nicht!“ für Resignation, Kraft- und Energielosigkeit, Lustlosigkeit und nicht selten für den Wunsch, einfach nicht mehr sein zu wollen. So bleibe ich nur allzugerne liegen, schlafe viel und zudem noch gut bei Tag und Nacht und alles, was sich nicht umgehen lässt ist Pflichtelement und Qual, wird von allerlei Symptomen und Zimperlein begleitet. Was vor und in der Reha noch gut funktionierte, schläft mit mir ein oder verfehlt seine Wirkung. Baustellen und Erinnerungen, die in der Reha aufploppten türmen sich, Grübelketten werden länger und länger, Strategien wirken nicht mehr, Überforderung, Traurigkeit, ein unbändiger Durst nach Ruhe, Stille. Aber hey, ich habe kaum noch Angst- und Panikattacken – wenn ich denn mal das Haus verlasse. Sogar das Einkaufen funktioniert und in Cafés und Restaurants halte ich es auch schon wieder recht gut bis nach dem Verzehr der Bestellungen aus. Auch der Nachtschlaf hat, dank der zündenden Idee meiner Pulmologin und einer gewöhnungsbedürftigen Schlafmaske an Qualität gewonnen. Zwar ist der Schlafrhythmus aus dem Gleichgewicht und ich muss erneut hart an meiner Schlafhygiene arbeiten, aber ich komme nachts auf bis zu sechs Stunden ruhigstem Schlaf mit nur noch einer Unterbrechung, die allerdings meiner hyperaktiven Blase geschuldet ist und nicht dem „Rüssel“, der mich seit der Woche vor Weihnachten entspannt schlafen und regelmäßig atmen lässt.

Zu allem Übel erreichte mich der ausführliche Entlassungsbericht aus der Reha und meine Enttäuschung und Wut über den „Bezugsarzt“ beschäftigte mich viele Tage. Da war es wieder dieses Gefühl, von diesem „MediZYNIKER“ nicht ernst genommen zu werden. Zu seiner Aussage „Sie machen gar keinen depressiven Eindruck auf mich und ich habe sie in den vergangenen Tagen ein paar mal fröhlich lachend erlebt…“ gesellt sich nun die Phrase „Negative Antwortverzerrung“, im Bezug auf diese unsägliche Basisdokumentation und das kognitive Training, die sich in mein müdes Hirn einbrennt. Immer und immer wieder sehe ich das Bild meines Mitpatienten aus der Reha vor mir. Vielleicht erinnert ihr euch. Wenn nicht, könnt ihr seine Geschichte in aller Kürze hier nachlesen. Wir können unseren Kopffick, den Seelenschmerz, die Depression nicht in Watte und Gips packen, mit Hausmittelchen verarzten und verbinden und die psychischen Rollstühle und Krücken sind in der Regel für die Außenwelt unsichtbar. Wir können, nach einem oftmals viel zu langen Leidensweg einfach nur um Hilfe bitten und uns professionelle HIlfe suchen. Diese Hilfe funktioniert im besten Fall wie ein Uhrwerk. Zahnrad für Zahnrad greifen in einander. Psycholog*innen – Therpeut*innen – Ärzt*innen – Psychiater*innen – Kliniken – Maßnahmen & Therapien. Das alles gerät in Unwucht, sobald ein Rad im Getriebe nicht mitarbeitet – zumindest nicht im Sinne der Patient*innen und deren Erkrankungen. Die Folgen solcher Aussagen und Suggestionen können mitunter fatal, wenn nicht tödlich sein. Aus dem „Ich kann nicht mehr“ wird nicht selten ein „Ich will nicht mehr“. Das wiederum macht Angst – nicht nur mir, sondern auch jenen ganz wichtigen Menschen, denen ich mich anvertrauen kann. Kopffickkino und Grübelketten auseinanderklamüsern, kürzen, kappen, wieder Strategien entwickeln, auf bewährte Therapieansätze zurückgreifen, beten, versuchen stark zu bleiben und um Himmelswillen nicht aufgeben.

Neben den Bezugsmenschen in meinem engsten Umfeld, spielt die therapeutische Begleitung eine enorm wichtige Rolle für mich. Doch hierzu wird es zeitnah einen weiteren Bericht geben, denn das Neue Jahr, 2020, hielt auch hier gleich zwei Überraschungen für mich parat.

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