Mama

Die tief schmerzliche Einsicht, dass sich Corona & Depression nicht (mehr) trennen lassen

Woche 3 oder schon 4 des coronalen Ausnahmezustands in Deutschland, Monat 3 der weltweiten Pandemie, mit Tausenden Toten, xTausenden Infizierten. Oft wird aus Sorge Angst, Panik und der Blick in die Welt macht nicht selten wütend.

Für mich persönlich war es anfangs nichts wirklich Neues. Das „SocialDistancing“ betreibe ich seit über einem Jahr nahezu in Perfektion. Menschen und Menschenmengen mied ich, ließ ich nicht an mich heran, entzog ich mich. Nun kam neben dem persönlichen Empfinden noch ein wesentlich wichtigerer Grund hinzu – meine Distanz schützt andere Menschen, rettet schließlich und endlich Leben und führt auch dazu, dass sich die Ansteckungskurve zum Positiven verändert. Relativierer*innen und Ignorant*innen bringen mich auf die Palme. Die Verhaltensregeln seitens Bundes- und Landesregierung kann ich nur unterstützen. #ZuhauseBleiben ist die Devise.

Schon nach der ersten Woche erlebte ich allerdings, wie sehr diese guten und wichtigen Regeln und Auflagen mein Leben nicht nur positiv beeinflussten und das nicht alles so easy ist, wie es sich zunächst anfühlte.

Ganz egoistisch und höchst subjektiv betrachtet:

  • Die Erkenntnis, das Corona eine „verdammt gute“ Möglichkeit sein könnte, mich ins Jenseits zu befördern.
  • Die so wichtige GruppenTherapie des PsyRena Programms entfällt, die Einzeltherapie erfolgt in immer noch mehr als gewöhnungsbedürftiger digitaler Form. ABER, sie findet statt, sie findet statt, sie findet statt.
  • Meine Seelenorte, wie zum Beispiel der Tierpark, sind geschlossen. Von anderen, wie die Arche halte ich mich noch  mit aller Gewalt fern, um die dortigen Menschen, die mir so unfassbar wichtig sind, nicht zu gefährden. Depression und Corona lassen zum zweiten Mal meine Auszeit auf „meiner“ Insel Pellworm ausfallen. Zumindest kann ich noch mit meinem HerzMenschen ans Wasser.
  • Es ist erheblich schwieriger und teurer mit  meinen Steinen Menschen glücklich zu machen. Statt sie auszuwildern, versende ich sie nun per Post. Corona macht auch kreativ.
  • Ich wünsche mir Handarbeitstalent, um aus meinem Stoff, der bis dato auf seine Bestimmung wartete,  für uns Mund/Nasenschutz zu nähen. Doch dafür bin ich zu einfach strukturiert.
  • Das Vermissen des persönlichen Kontakts zu meinen Lieblingsmenschen schmerzt unfassbar und lässt sich auch nicht wirklich durch die Zärtlichkeiten mit meinem HerzMenschen kompensieren. Manchmal braucht es einfach die Umarmung des Lieblingsmenschen, die Kuschelrunde. Telefonieren, Skypen ist, wie auch in der Therapie, einfach kein adäquater Ersatz.
  • Corona wirft mich in einigem therapeutisch zuryck, was ich mir in den letzten Monaten hart erarbeitet habe.  So bröckeln meine Strukturen und Strategien,  ich mag gar nicht mehr großartig raus gehen, möchte nur noch schlafen. Die Unvernunft, kriminelle Energie und der Hass vieler Menschen fassen mich wieder heftig an und das Schlimme, man kann dem kaum entgehen, denn Corona ist DAS Thema.
  • Der Kopffick nimmt zu und lässt sich an manchen Tagen und in manchen Nächten kaum noch ertragen – ich möchte nur noch meine Ruhe, möchte nicht reden und hätte doch so viel zu sagen.
  • Ich finde den Söder „gut“

Heute hätte mein Mütterlein Geburtstag – ihren 85sten.

Seit 2017 ist sie physisch nicht mehr da, aber es vergeht kein Tag, an dem ich sie nicht vermisse, ich nicht mit ihr rede. In den vergangenen Wochen mehr denn je. Ich bin sehr froh, dass sie diesen ganzen CoronaMist nicht erleben muss.

Seit sie verstarb, begehen wir ihren Geburtstag am Wasser. Sie hat das Meer geliebt, war ein MeerMädchen, wie ich eines bin.

Am vergangenen Donnerstag gab es dann ein neues Einschränkungspaket seitens der Regierung MVs für die Ostertage. Konnte ich bislang mit so ziemlich allen sinnvollen Einschränkungen und Verhaltensregeln mit- und mehr oder weniger „umgehen“, fiel ich vom Glauben ab und konnte gar nicht so schnell atmen, wie ich in ein großes schwarzes Loch fiel. So stellten sich Manuela (unsere Ministerpräsidentin Manuela Schwesig) & Co. vor, dass die Bürger*innen des Landes nicht nur #ZuhauseBleiben, sondern am besten jegliche Aktivitäten zu Ostern einstellen. Ausflüge, Spaziergänge nur noch im direkten Umfeld, keine Ausflüge an die Strand- und Küstenregionen. Ostsee, Bodden, Wiek abgeriegelt.

Nein, nein, nein, das darf nicht sein

In meiner Gedankenwelt macht das überhaupt keinen Sinn. Im Gegenteil. Wieso sollte ich aus Greifswald nicht an meinen Seelenort, nicht nach Loissin, Gahlkow, Ludwigsburg, Lubmin, Freest etc. dürfen? Selbst an den vergangenen Wochenenden, waren diese Orte nie überlaufen, hielten sich die Menschen vorbildlich an die Abstandsregelungen und Gruppenverbote. Dass die Inseln abgeriegelt sind, finde ich persönlich absolut sinnig. Zum Schutz der Insulaner, die mit einem Anstieg der Infektions- und Behandlungszahlen schon aus medizinischer Sicht nicht entsprechend ausgestattet sind. Wohlwissend, dass es Menschen gibt, die dieses Argument für „untauglich“ halten, gehe ich genau mit diesem Argument mit den Regelungen d’accord. Schließlich ist es auch dieses Argument, was mich ertragen lässt, dass die Nordseeinseln dicht sind und ich zum zweiten Mal nicht auf Pellworm sein darf.

Ist die Gefahr der Rudelbildung im Wald, auf dem Wall,  in den Parks nicht erheblich höher? Familien mit 2 und mehr Kinder müssen doch bitte die Möglichkeit haben, sich etwas weiter als zwei Straßenzüge zu bewegen. Eine Entzerrung, so sie überhaupt notwendig sein sollte, kann doch so gar nicht funktionieren? Ich verstehe es nicht.

Und ganz egoistisch sind damit nicht nur meine Seelenorte dicht, sondern auch der GedenkOrt am Geburtstag meines Mütterleins.

Das war die Nachricht, die es brauchte, um bei mir das Fass zum Überlaufen zu bringen. Heulattacken, Wutausbruch und Selbstmordgedanken gaben sich die Synapsen in die Hand und Herr „IchWillNichtMehr“ erhielt das zweite Mal in diesen Wochen eine unfassbare Macht. Ich ging ins Bett und wollte nicht mehr aufstehen – mindestens bis Dienstag, wenn überhaupt!

Was hier vielleicht ganz spaßig klingt, war für mich einer der derbesten Ryckfälle seit Monaten und hat mich anhaltend zuryckgeworfen. Wenn das minimalste Seelenwohl nicht mehr möglich ist… Ich stellte das Leben in Frage. Schlimm genug, an der Depression zu arbeiten, an ihr herumzutherapieren und therapieren zu lassen; Schlimm genug mit den Regeln umzugehen, die auch für mein selbstgewählt beschränktes und eingeschränktes Leben Auswirkungen haben – wenn die letzte Freude genommen wird… Wozu das alles überhaupt noch?!

Danke OVG

In einem Beschluss hat das Oberverwaltungsgericht Greifswald am Donnerstagnachmittag entschieden, dass die Corona-Verordnung der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern in Teilen rechtswidrig ist. Konkret geht es um das Ausflugs-Verbot an Ostern.

UFF

Nach dem dritten oder war es der vierte Artikel zum Kassieren der Verordnung, stieg ich aus dem Bett, massierte meine Fortuna (formally known as Hermann-Teig) und entspannte leicht. Der Kopffick schlug für zwölf bis dreizehn Momente eine andere, erleichterte Richtung ein und Dankbarkeit machte sich breit.

Die Ryckseite der Medaille, damit wurde auch die Insel-Regelung gekippt. Das heißt mit dem Versuch der Landesregierung alles für vier Tage nahezu komplett abzuriegeln, hat sie am Ende der in meinen Augen sinnvollen Insel-Lösung, geschadet. Bleibt die Hoffnung, dass sich die Menschen durch dieses Schlupfloch nicht verführen lassen.

Wir dürfen heute also an einen meiner Seelenorte  in der weiteren Umgebung fahren und Mütterleins Geburtstag an einer Stelle gedenken, der sicher auch für sie Seelenort gewesen wäre. Wir machen das zu einer Zeit, von der wir ausgehen, dass wir dort auf fast niemanden mehr treffen, Abstand halten kein Problem ist und niemand gefährdet wird.

Auch wenn der Donnerstag bis heute in vielem noch nachhallt, was der Depression wenig zuträglich ist – das Loch größer und schwärzer ist, …

ich atme weiter.

 

 

 

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